László Moholy-Nagy/Produktion-Reproduktion 1922

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Produktion-Reproduktion[edit]

Wenn wir die menschliche Ausdrucks- und Formungsweise in der Kunst und den ihr naheliegenden anderen (Gestaltungs-) Gebieten richtig verstehen und zu einem Weiterbau kommen wollen, müssen wir die erfüllenden Faktoren: den Menschen selbst und die in seiner gestaltenden Tätigkeit von ihm angewandten Mittel untersuchen.

Der Aufbau des Menschen ist die Synthese aller seiner Funktionsapparate, d.h. daß der Mensch in seiner Periode dann der vollkommenste ist, wenn die ihn ausmachenden Funktionsapparate – die Zellen ebenso wie die kompliziertesten Organe – bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bewußt bezw. ausgebildet sind.

Die Kunst bewirkt diese Ausbildung – und das ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben, da von der Vollkommenheit des Aufnahmeorgans der ganze Wirkungskomplex abhängt – in dem sie zwischen den bekannten und den noch unbekannten optischen, akustischen und anderen funktionellen Erscheinungen weitgehendste neue Beziehungen herzustellen versucht und deren Aufnahme von den Funktionsapparaten erzwingt. Es liegt in der menschlichen Eigenart, daß die Funktionsapparate nie zu sättigen sind, sondern nach jeder neuen Aufnahme zu weiteren neuen Eindrücken drängen. Das ist die Ursache der immer bleibenden Notwendigkeit neuer Gestaltungsversuche. Unter diesem Aspekt sind die Gestaltungen nur dann zunutze, wenn sie neue, bisher unbekannte Relationen produzieren. Damit ist gesagt, daß die Reproduktion (Wiederholung bereits existierender Relationen) aus dem besonderen Gesichtspunkt der Gestaltung im besten Falle nur als virtuose Angelegenheit zu betrachten ist.

Da vor allem die Produktion (produktive Gestaltung) dem menschlichen Aufbau dient, müssen wir versuchen, die bisher nur für Reproduktionszwecke angewandten Apparate (Mittel) auch zu produktiven Zwecken zu erweitern. Das erfordert eine eingehende Prüfung auf Grund folgender Fragen:

Wozu dient dieser Apparat (Mittel)?
Was ist das Wesen seiner Funktion?
Sind wir fähig und hat es einen Wert, den Apparat so zu erweitern, daß er auch der Produktion dienstbar wird?

Wir wenden diese Fragen auf einige Beispiele an: Grammophon; Photographie: Einzelbild (Stehbild), Film.

Grammophon. Das Grammophon hatte bisher die Aufgabe, bereits vorhandene akustische Erscheinungen zu reproduzieren. Die zu reproduzierenden Tonschwingungen wurden mittels einer Nadel in eine Wachsplatte geritzt und dann mit Hilfe eines Mikrophons wieder in Ton umgesetzt.

Eine Erweiterung des Apparates zu produktiven Zwecken könnte so geschenen, daß die ohne mechanische Außenwirkung durch den Menschen selbst in die Wachsplatte eingezeichneten Ritzen bei der Wiedergabe eine solche Schallwirkung ergeben, welche ohne neue Instrumente und ohne Orchester eine fundamentale Erneuerung in der Tonerzeugung (neue, noch nicht existierende Töne und Tonbeziehungen), in dem Komponieren und in der Musikvorstellung bedeuten.

Die Grundbedingung zu dieser Arbeit ist eine experimentell-laboratorische: Die genaue Prüfung der durch verschiedene Schalle hervorgerufenen Arten (Länge, Breite, Tiefe usw.) von Ritzen; Prüfung der selbst hergestellten Ritzen; und endlich mechano-technische Versuche für die Vervollkommnung der Ritzen-Handschrift. (Eventuell auf mechanischem Wege Verkleinerung großer Ritzschriftplatten.)

Photographie. Der photographische Apparat hält Lichterscheinungen mittels der an der Rückwand der Kamera befindlichen Bromsilberplatte fest. Wir haben bisher diese Tätigkeit des Apparates nur in sekundärem Sinne verwendet: zum Festhalten (Reproduzieren) einzelner Objekte, wie sie das Licht reflektierten oder absorbierten. Wenn wir die Umwertung hier auch vollführen, müssen wir die Lichtempfindlichkeit der Bromsilberplatte dazu benutzen, die von uns mit Spiegel- oder Linsenvorrichtungen usw. gestalteten Lichterscheinungen (Lichtspielmomente) zu empfangen und zu fixieren.

Hierzu sind auch viele Experimente notwendig. Die teleskopischen Gestirnaufnahmen, die Röntgenaufnahmen waren interessante Vorstufen.

Film. Bewegungsbeziehungen der Lichtprojektionen. Sie werden erreicht durch Nacheinanderreihung von fixierten Teilbewegungen. Die bisherige Filmpraxis beschränkte sich haupfsächlich auf die Reproduktion dramatischer Handlungen. Zweifellos gibt es auf dem Gebiet des Films eine ganze Reihe wichtiger Arbeiten; teilweise wissenschaftlicher Art (Dynamik verschiedener Bewegungen: Mensch, Tier, Stadt usw.; Beobachtungen verschiedener Art: funktionelle, chemische usw.; drahtlos projizierte Filmzeitung usw.), teilweise der Ausbau der Reproduktion selbst nach konstruktivem Standpunkt, aber die Hauptaufgabe ist die Gestaltung der Bewegung an sich. Daß diese nicht ohne ein selbstgeschaffenes Formspiel als Bewegungsträger vorgehen kann, ist selbstverständlich.

Naive Versuche waren zu dieser Entwicklung die Tricktischarbeiten (Reklame). Viel entwickelter sind die Arbeiten von Ruttmann und das Clavilux1 von Th. Wilfred, welche die Bewegung aber als ungegenständliche dramatische Handlung gaben (Abstraktionen oder Stilisierungen von erotischen oder Naturereignissen), allerdings mit dem Versuch, das farbige Bild einzuschalten.

Die bisher vollkommensten Arbeiten sind von Eggeling-Richter, wo statt der dramatischen Handlung schon ein selbstgeschaffenes Formspiel auftritt, wenn auch noch zum Schaden der Bewegungsgestaltung. Denn Bewegung wird hier nicht rein gestaltet, sondern die überbetonte Formentwicklung absorbiert fast alle Bewegungskräfte. Der weitere Weg ist hier die Gestaltung der Bewegung im Raume ohne Anlehnung an eine direkte Formentwicklung.

Sourced from De Stijl 5:7, Jul 1922, pp 98-101.

Production-Reproduction[edit]

If we want to understand correctly the mode of human expression and shaping in art and in other related domains, and if we want to achieve progress therein, we have to examine the contributing factors: namely, man himself as well as the means he applies in his creative activity.

Man as construct is the synthesis of all his functional apparatuses, i.e. man will be most perfect in his own time if the functional apparatuses of which he is composed -- his cells as well as the most sophisticated organs — are conscious and trained to the limit of their capacity.

Art actually performs such a training -- and this is one of its most important tasks, since the whole complex of effects depends on the degree of perfection of the receptive organs — by trying to bring about the most far-reaching new contacts between the familiar and the as yet unknown optical, acoustical and other functional phenomena and by forcing the functional apparatuses to receive them. It is a specifically human characteristic that man’s functional apparatuses can never be saturated; they crave ever new impressions following each new reception. This accounts for the permanent necessity for new experiments. From this perspective, creative activities are useful only if they produce new, so far unknown relations. In other words, in specific regard to creation, reproduction (reiteration of already existing relations) can be regarded for the most part as mere virtuosity.

Since it is primarily production (productive creation) that serves human construction, we must strive to turn the apparatuses (instruments) used so far only for reproductive purposes into ones that can be used for productive purposes as well. This calls for profound examination of the following questions:

What is this apparatus (instrument) good for?
What is the essence of its function?
Are we able, and if so to what end, to extend the apparatus's use so that it can serve production as well?

Let us apply these questions to some examples: the phonograph and photography -- single pictures (stills) and film.

Phonograph. So far it has been the job of the phonograph to reproduce already existing acoustic phenomena. The tonal oscillations to be reproduced were incised on a wax plate by means of a needle and then retranslated into sound by means of a microphone (correctly: diaphragm, moving cone).

An extension of this apparatus for productive purposes could be achieved as follows: the grooves are incised by human agency into the wax plate, without any external mechanical means, which then produce sound effects which would signify — without new instruments and without an orchestra -- a fundamental innovation in sound production (of new, hitherto unknown sounds and tonal relations) both in composition and in musical performance.

The primary condition for such work is laboratory experiments: precise examination of the kinds of grooves (as regards length, width, depth etc.) brought about by the different sounds; examination of the man-made grooves; and finally mechanical-technical experiments for perfecting the groove-manuscript score. (Or perhaps the mechanical reduction of large groove-script records.)

Photography. The photographic camera fixes light phenomena by means of a silver bromide plate positioned at the rear of the camera. So far we have utilized this function of the apparatus only at a secondary level: in order to fix (reproduce) single objects as they reflect or absorb light. In the event of revaluation taking place in this field, too, we will have to utilize the bromide plate’s sensitivity to light to receive and record various light phenomena (parts of light displays) which we ourselves will have formed by means of mirror or lens devices.

Many experiments are needed here, too. Telescopic recordings of stars as well as radiography represent interesting preliminary stages.

Film. Kinetic relationships of projected light. This can be achieved by sequences of fixed partial movements. Cinematography as practiced so far is limited mainly to the reproduction of dramatic action. There are certainly many important activities to be carried out in the domain of film. Some are scientific in nature (dynamism of various motions: of man, animal, city etc.; different observations: functional, chemical etc.; wireless projection of film news etc.); some involve the completion of reproduction itself from a constructive standpoint. But the main task is the formation of motion as such; naturally, this cannot be realized without a manmade play of forms as motion carrier.

Naive experiments relative to such development were the trick-films (advertisements). Much more highly developed are the works of Ruttman and the Clavilux[1] of Th. Wilfred; these, however, presented motion as an objectless dramatic action (abstraction or styling of erotic or natural events), albeit by trying to introduce the color picture.

So far the most perfect works are those of Eggeling and Richter, in which instead of dramatic action there is already a play of forms, although to the detriment of kinetic formation. In fact, movement is not given formal purity, for over-emphasis upon the forms' development absorbs almost all the kinetic forces. The way ahead here will be the formation of motion without the support of any direct formal development.

  1. The name indicates a kind of colour organ, although we are concerned with light projection on the plane and not in space.

Sourced from Moholy-Nagy, ed. Krisztina Passuth, New York: Thames and Hudson, 1985, pp 289-290, PDF.